Treu und zuverlässig bist du, mein kleiner unerkannter Freund. Kurz vor der Morgendämmerung singst du das erste Mal, willst gehört, erhört werden. Ich liebe dein lockendes Flöten. Unsere kleine Welt gehört zu diesem Zeitpunkt dir alleine.
Ich höre dich, du mich nicht. Ich sehe dich nicht, du mich auch nicht.
Das hindert uns nicht daran, miteinander indirekt zu kommunizieren.
In Gedanken danke ich dir mit einem Lächeln, den Schlaf meiner Geliebten möchte ich nicht stören, für deinen Morgengruss, deine Glückwünsche für den neuen Tag. Gerne würde ich sie retournieren, beispielsweise mit einem Trillern auf der Blockflöte. Ziemlich sicher würde ich mich bei dir und der nahen Umgebung unbeliebt, wahrscheinlich unmöglich machen, also lasse ich es sein!
Kein Motorengeräusch stört unseren Austausch, welcher irgendwann verebbt, weil ich wieder einschlafe.
Beim nächsten Aufwachen erkenne ich an der Treppenwand helle Balken, gemalt vom Morgenlicht, welches durch das kleine Fenster im zweiten Stock hineinlinst.
Jetzt musst du dich behaupten.
Andere Amselmännchen buhlen ebenfalls um weibliche Begleitung, Spatzen zwitschern, Tauben gurren, streunende Katzen fauchen, Autos bremsen, fahren an, die Kirchenglocke ruft zum Erheben auf.
Das beeindruckt dich wenig. Deinem natürlichen Instinkt folgend singst du weiter deine kurzen Arien, deren Leichtigkeit ich gerne in mein alltägliches Handeln einfliessen lassen möchte.
Bevor du nach der Abenddämmerung dich zur kurzen und überaus verdienten Nachtruhe, deine Tage sind sehr lang, zurückziehst, bezauberst du mich ein letztes Mal. Ich bin glücklich, dass du auch heute nicht Katzenfutter geworden bist.
Bonne nuit cher Balthasar, bis bald.
11. Mai 2026
