Der Wüste entgegen

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Nach dem Verlassen des Riads traten wir beinahe in eine Blutlache, welche sich im Sand langsam ausbreitete und versickerte. In einem Nachbargebäude war einem Schaf zur Feier des Eid-Ul Adah, das islamische Opferfest, gewaltsam die Kehle geöffnet worden.
Bereits am Vortag hatten wir beobachtet, dass viele Schafe auf dem Markt gehandelt und auf kleinen Lastwagen, auf dem Motorrad und Fahrrad, eingeklemmt zwischen Fahrer und Mitfahrer, abtransportiert wurden.

Toufik, unser Fahrer und Reiseleiter für die nächsten 6 Tage, packte unser Gepäck in den Land Cruiser, setzte sich ans Steuer und führte uns in unbekanntes Neuland.
Eid-Ul Adah ist gläubigen Muslimen heilig, wird zu Hause im Familienkreis zelebriert. Das öffentliche Leben in Marokko ruht, steht komplett still, Die Strasse schien alleine für unser Fahrzeug gebaut worden zu sein.
Ich erinnerte mich an die Lektüre “Das Buch vom Verschwinden”, in welchem die palästinensische Autorin Ibtisam Azem über Nacht die gesamte arabisch stämmige Bevölkerung Israels spurlos verschwinden lässt, der jüdische Staat am Morgen aufwacht, ungläubig den totalen Stillstand etlicher Wirtschaftsbereiche erkennen muss, nicht verstehen kann, was vor sich geht.

Alle Restaurants, Souks, Läden, Toiletten, touristische Sehenswürdigkeiten blieben die nächsten Tage geschlossen, verriegelt.
Zwischendurch sahen wir Kinder ein Schaf zu seinem letzten Bestimmungsort zerren, einen Mann ein totesTier häuten und ausnehmen, aufgehängt an einem Olivenbaum.
Die Szenerie wirkte surreal.

Die Strasse windet sich in engen Kurven den 2260 Meter hohen Tizi-n-Tichka Pass hoch. Die Aussicht auf Berggipfel des Hohen Atlas, in die Tiefe, wo Lehmhäuser aus dem kargen Boden gepresst wurden, sich an die Felsen zu krallen scheinen, ich mir ein Leben in dieser archaisch anmutenden Umgebung nicht vorstellen kann, war grandios, liess mich klein und fremd fühlen.
Einzelne Bergspitzen des Hohen Atlas ragen weit über 4000 Meter in die Höhe, tragen zum Schutz vor der Sommerhitze Schneehüte.

Im Ounilla-Tal standen Erdmännchen unterhalb unserer Reiseroute stramm, staunten über unsere Eile.
Die ausgezeichnete Qualität der Strassen in Marokko lässt erhöhte Geschwindigkeiten zu. Auf Geheiss von König Mohammed VI wurden und werden riesige Summen in den Ausbau von Strassen, Häfen, Flughäfen und den Neubau von Trasses für Hochgeschwindigkeitszüge investiert.
Kritische Stimmen, sie hüten sich laut zu sein, kritisieren, dass die Bereiche Bildung und Gesundheit auf der Prioritätenliste weit hinten stehen.
2030 wird Marokko zusammen mit Spanien und Portugal die Fussball-Weltmeisterschaft organisieren.

Sehr angenehm fiel uns auf der gesamten Reise die sehr rücksichtsvolle Fahrweise der FahrzeuglenkerInnen im Strassenverkehr auf.

Aus Lehm, Stein und Stroh sind die Häuser in Asfalou gebaut. Das bescheiden wirkende Dorf beherbergt das sehr stilvoll ausgebaute Hotel Ksar Ighnda, wo wir eine Nacht verbringen konnten.. Kontraste können kaum grösser sein.
Beim Spaziergang durch das Berberdorf war mein blaues, omnipräsentes Tagebuch Hauptattraktion der Knaben, die sich an diesem Festtag zu langweilen schienen.

Nahe Asfalou thront Aït-Ben-Haddou an einem Hügelrücken. Dank des ursprünglich erhaltenen Dorfbilds erhielt diese Ortschaft 1987 von der UNESCO den Status eines Weltkulturerbes. Das fotogene Aït-Ben-Haddou ist ein beliebter Drehort für Filme, wie z.B. “Gladiator”.

Weiter ging die Fahrt nach Ouarzazate, Toufik nennt seine Heimatstadt Hollywood von Afrika. Kulissen für historische Filme sind in den Filmstudios am Rande der Stadt aufgebaut, könnten besichtigt werden, wenn das Eingangstor offen wäre. Auch diese Stadt schien verwaist zu sein, einsam der Hitze ausgeliefert.

Ab Agdz erstreckt sich im Talgrund des Draa-Tales ein 200 Kilometer langes, schmales Meer von Dattelpalmen. Ein Teil der Palmen entstand aus der Notdurft der Kamelkarawanen, welche in früheren Zeiten zwischen Marrakech und dem 1500 Kilometer entfernten Timbuktu in Mali hin und her trotteten. Die zweihöckrigen Lasttiere frassen Datteln, schieden die unverdaulichen Kerne aus, welche erneut keimen konnten.
Das grüne Palmenband inmitten der ockerfarben gebrannten, äusserst kargen Landschaft wirkte auf mich unwirklich. Kontraste können kaum grösser sein.

Nach sechs langen Stunden erreichten wir M’hamid El Ghizlane, der letzte bewohnte Ort des Draa-Tales , das Ende der asphaltierten Strasse, das Tor zur Sahara. Unsere Wüstenexpedition konnte starten.

11. Juni 2026

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