Geburtstag

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2 Tage vor meinem Geburtstag verlor meine Mutter abends das Gleichgewicht, stürzte, lag hilflos auf dem Boden, rief vergebens um Hilfe.
Ihre Notfalluhr hatte sie vorher abgezogen, weil jemand sie gewarnt hatte, dass ihr Puls vom Druck der Armbanduhr mit dem SOS-Knopf beeinträchtigt würde.
Sehr lange dauerte es, bis 2 Nachtschwestern meine erschöpfte Mutter aus ihrer misslichen Situation befreien und sie ins Bett legen konnten.
Die nächsten 36 Stunden verschwieg sie vor dem Pflegepersonal ihre Schmerzen und den Verdacht einer gravierenden Verletzung.
Zu wichtig war für sie das Mittagessen mit ihrem Filius, seiner Frau und deren jüngeren Sohn.
Der junge Mann holte sie am besagten Tag im Pflegeheim ab. Brutal beschwerlich war die Hinfahrt für die Frau im Rollstuhl. Bei jeder Unebenheit schrie sie auf, unerträglich müssen ihre Schmerzen gewesen sein.

In der Gaststube sass sie dann dem Mann gegenüber, dem sie unter Schmerzen vor 69 Jahren das Leben geschenkt hatte. Aschfahl und zusammen gesunken im Rollstuhl brachte sie kaum einen Bissen runter, biss weiterhin tapfer auf die Zähne.

Schlussendlich nahmen ihr in die Jahre gekommener Sohn und sie die Tramfahrt zum Clara-Spital in Angriff. Die Sonne glühte, das Tram war eiskalt, wir froren.
Zum Glück realisierte die Dame am Empfang der Notfallaufnahme den Ernst der Lage. Innerhalb kürzester Zeit wurde Dorli von 4 Personen aus dem Rollstuhl auf das Bett gehoben, wurde ihr ein Krankenhauskleid übergestreift, wurden Röntgenbilder angefertigt.

Der behandelnde Arzt diagnostizierte einen Schenkelhalsbruch rechts. Das Röntgenbild offenbarte zudem auf der linken Beckenseite einen verheilten und vernarbten Riss aus dem Jahr 1952.
Damals war der Teenager beim Skifahren mit den Skispitzen in einem umgelegten, unter dem Schnee verborgenen, Weidezaun hängengeblieben und schmerzhaft gestürzt.

Bald hatte Dorli alle behandelnden Ärzte und Pflegepersonen der Notfallaufnahme vom Jubiläum ihres Erstgeborenen informiert. Auch das Sanitäterteam, welches meine Mutter äusserst sachte umbettete und sie zur Notfallabteilung des Universitätsspitals fuhr, gratulierte ihm. Ebenso das medizinische Personal dort.
Immer wieder fühlte der Empfänger der Glückwünsche sich im falschen Film. Da lag seine Mutter, angehängt an viele Schläuche, mit Blut versorgt, einer möglichen Operation harrend, ihren Fokus komplett auf seinen Geburtstag gelegt.

Eine erneute Bildgebung ergab ein anderes Resultat. Nicht der Schenkelhals war gebrochen, sondern das Becken.
Das Ärzteteam kam zum Schluss, dass von einer Operation abzusehen sei. Ruhelage und der Einsatz von Schmerzmitteln wurden verordnet.
Nun liegt Dorli wieder im Pflegeheim. Betäubt von den Medikamenten fühlt sie sich im falschen Film, im Bett am falschen Ort.
Sie döst, schreckt auf, stammelt etwas, schliesst wieder die Augen, gleitet in wirre Träume ab.

Mit “O mein Papa” begeisterte Lys Assia vor 76 Jahren ihr Publikum auf der Bühne, auf Schallplatte und im Radio. Ich halte meiner Mutter bei meinen Besuchen das Natel ans Ohr, lasse diesen Ohrwurm und andere Klassiker laufen. Zuweilen bewegt Dorli eine Hand im Takt, summt mit.
“O meine Mamma” schreit es in mir!

10. August 2026

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