Auszeit

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Dem sehr unfreundlichen, nasskalten Wetter weinen wir keine Träne nach, als wir vor 23 Uhr in die SWISS-Maschine einsteigen, welche von Kloten nach Singapur fliegen wird.
Vor dem Start werden die Flugzeugflügel enteist. Der Antrittsschub des Riesenvogels ist mächtig, drückt uns in die Sitze, lässt den Innenraum, er ist spärlich besetzt, erzittern.

Vor 19 Uhr Ortszeit, Singapur eilt der Schweiz um sieben Stunden voraus, erreichen wir nach fast dreizehnstündigem Flug, nach zwei eingenommenen Mahlzeiten, nach einigen Turbulenzen sicher den Changi Airport Singapur.
Dankbar und benommen steigen wir aus und um. Noah liebt die zahllosen Rollbänder, welche den riesigen Flughafen durchziehen.
Zwei Stunden später hebt Bangkok Airlines mit uns zur Insel Koh Samui ab, wo nach 21 Uhr, Thailand tickt eine Stunde früher als Singapur, schwüle Nachthitze und die neugierige thailändische Grenzpolizei uns empfangen. Wir verewigen unsere Fingerabdrücke, unser Gesicht wird fotografiert.

Die nächsten 10 Tage logieren wir in einem wunderbar geräumigen Haus in der Thongson-Bucht. Das Anwesen gehört einem Russen.
Der Sonnenschein, die angenehmen Temperaturen sind überaus wohltuend. Ich liebe das Zirpen der Grillen nachts, den Vogelgesang morgens früh, die Farben der Bougainville-Blumen, den Duft der Blüten, die Aussicht auf das Meer und auf den riesigen Buddha, der in der Ferne golden leuchtet.
Was für ein Privileg!

Nach dem Sonnenaufgang spaziere ich immer wieder zu einem kleinen Supermarkt in der Nähe, kaufe, wenn die Maschine funktioniert, einen Kaffee, setze mich vor das Gebäude und beobachte das Treiben.
Unzählige Motorräder knattern vorbei, auf kleinen Lastwagen werden erschöpft wirkende Frauen und Männer, alle tragen die gleiche Kleidung, zu ihrer Arbeit gefahren.
Eine englisch sprechende Frau füttert streunende Hunde. Gefährlich tief hängende Stromkabel gleichen riesigen Spinnennetzen, Abfall liegt unter Palmen, kleine buddhistische Schreine sind reich dekoriert, Bauruinen dörren in der Hitze, ein Verkaufsstand auf der anderen Strassenseite bietet Früchte an.

Noah und ich wecken mit unserem Lachen und dem Spielen im Pool nach und nach alle Familienmitglieder. Die ersten Tage sonnen wir in der kleinen, idyllischen Thongson-Bucht. Auf der linken Strandseite befindet sich die zum Meer geöffnete Massage-Fabrik, in welcher acht Leute zugleich geknetet werden können.
Im kleinen Strandrestaurant suhlt sich ein fettes Schwein, es gehört zum Inventar. Unzählig sind die Sandburgen, welche Noah und ich kreieren, lustvoll ist unser Spiel mit den sanften Wellen.
Es sind wunderbar reiche Tage. Für Marli und mich ist es ein Geschenk, mit der Familie unterwegs zu sein. Wir dürfen uns zurücklehnen, unsere Jungmannschaft organisiert liebevoll und souverän.

Ich erkenne Koh Samui nicht mehr. Vor 41 Jahren besuchte ich mit einem Kollegen diese wunderschöne Insel. Wir wohnten in einer einfachen Holzhütte, mittags und abends gab es Reis und Fisch. Ich erinnere mich an ein sehr einfaches Sein in Stille ohne Strandschirme, Liegebetten, Bars. Ohne Flughafen.
Heute platzen Orte wie Chaweng und Lamai aus allen Nähten. Massentourismus herrscht lautstark, die Strassen sind verstopft, jeder Zentimeter in der Nähe zum Meer scheint verbaut, Engadiner Verhältnisse im Land des Lächelns.
Geschäfte verkaufen in Trinkflaschen Benzin, 1 Liter kostet 40 Baht, umgerechnet 1 Franken. Internationale Fastfood-Ketten konkurrieren mit den einheimischen Strassenküchen, deren Produkte wir lieben.
Auffallend ist für mich das Fehlen betagter thailändischer Frauen und Männer im Strassenbild.

Ich staune über den Wandel, erhalte den traurigen Eindruck, dass wir Reisende die Natur und die Infrastruktur hier vollständig überlasten.
Strom wird über Hochspannungs- Unterseekabel vom Festland auf die Insel transportiert, der Abfall wird auf Schiffe geladen, die die umgekehrte Route fahren.

Ruhe, Friede und Gelassenheit erlebe ich hingegen in der wunderschönen Tempelanlage Wat Plai Laem. Besonders mag ich die Statue von Guanyin, die buddhistische Göttin der Barmherzigkeit. Die lächelnde Gottheit ist 15 Meter gross, hat 18 Arme, symbolisiert damit, dass sie überall Leid wahrnehmen und darauf reagieren kann.
Die Anlage ist von einem künstlichen See umgeben, in welchem Schildkröten und riesige Karpfen schwimmen. Ein Huhn spaziert in aller Ruhe mit ihren acht Küken umher, beäugt von einer kleinen Katze.
Willkommene Auszeit vom Touristentrubel!

10. März 2026




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