Marrakech

M

“Bienvenue à Marrakech” war der lakonische Kommentar unserer Gastgeberin im Riad Dar Crystal, nachdem wir ihr erzählt hatten, wie ein junger Mann zuerst einen tiefen Zug aus einem Plastiksack nahm, dann losbrüllte und uns auf den Fersen blieb, bis wir unser kleines Hotel, es lag in einer engen, dunklen Gasse, erreichten,
Mancher Anfang ist nicht leicht. Der erste Abend in der Roten Stadt, wie Marrakech auch genannt wird, verlief spannender als erwartet.

Am nächsten Morgen empfing uns schwüle Hitze, die Stadt sollte sich auch heute auf über 40 Grad erwärmen. Wir durchstreiften Mellah, das ehemalige jüdische Viertel und wähnten uns in einem Kriegsgebiet. Viele Häuser lagen in Schutt und Asche, anderen fehlten beträchtliche Teile der Fassade oder des Dachs.
2023 hatte ein Erdbeben, das Epizentrum lag ca. 70 Kilometer südwestlich unseres Aufenthaltsorts, Marokko erschüttert. Die Altstadt von Marrakech wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Fast 3000 Menschen überlebten das starke Beben nicht.

Unser erstes Ziel galt dem Souk, in welchem Gewürze angeboten wurden. Ein wahres Fest der Sinne, gewürzt vom Rauch der Motorräder, welche sich einen Weg durch die engen Gassen, durch die Feilschenden, Suchenden, Verkaufenden bahnten.
Nachdem 1492 die spanische Königin der jüdischen Bevölkerung in Südspanien das Ultimatum gestellt hat zum Christentum zu konvertieren oder ihr Königreich zu verlassen, wählten über 100’000 Personen das Exil, ein beträchtlicher Teil zog nach Marokko. Vor etwa 70 Jahren verliess der Grossteil der jüdischen Bevölkerung Marokko wieder, um sich in Israel nieder zu lassen.
Die Synagoge Slat El-Azama, 1492 erbaut, liegt im Herzen der Mellah. Bei unserem Besuch tanzten junge Männer verzückt, einander an den Händen haltend, laut singend um den Brunnen im wunderschönen, blau-weiss gefliesten Innenhof.
Heute beherbergt das ehemalige Gotteshaus ein Museum zum marokkanisch-jüdischen Leben. Lange blieb ich vor einzelnen Fotos stehen, welche Strassenszenen im alten Mellah abbildeten.

Am Nachmittag führte uns Younos, er studierte in Deutschland Betriebswirtschaftslehre und arbeitet jetzt als Stadtführer. durch die endlos langen Souks. Gigantisch, interessant, die Qual der Wahl sich scheinbar unendlich wiederholend. Für einen Kaufmuffel wie mich eine echte Herausforderung.
Meine Geliebte interessierte sich für einen Schal, kaufte schlussendlich vier und erhielt einen geschenkt. Ich mag deren Farben sehr.
Mich beeindruckten in dem lauten Trubel Männer, welche vor ihrem Verkaufsstand sassen, den Koran in Händen hielten, mit geschlossenen Augen scheinbar in sich ruhend beteten.

Ich liebe die maurische Architektur, wie wir sie in unserem Riad, im Palast El Badi und in der ehemaligen Koranschule Medusa Ben Youssef, zu welcher uns Younos führte, bestaunen konnten. Ich nahm Harmonie, Ordnung, Verspieltheit, Leichtigkeit, Eleganz wahr.
Alle Innenhöfe beherbergen Brunnen oder Wasserrinnen. Wunderbare Gartenanlagen, zum Beispiel die Secret Gardens, spenden Schatten, bilden Orchesterflächen für Vögel, laden zum Verweilen ein. Grossartig grosszügig.

Ein anderes Museum, welches uns am Folgetag beeindruckte, war der Fotografie gewidmet. Auf wunderschönen Fotos, teilweise 140 Jahre alt, wurden Frauen, Männer und Kinder in ihrer traditionellen Kleidung für die Ewigkeit festgehalten.
Nahe beim Museum, wir suchten mit dem Natel den Weg und waren als Gringos klar erkennbar, anerboten sich zwei junge Männer, uns den Weg zu zeigen. Wir landeten in einer Sackgasse und wurden aufgefordert für diese Dienstleistung 50 Dirham, 5 Franken, zu zahlen.
Ich gab 20 Dirham, was nicht auf Gegenliebe stiess. Die Situation entschärfte sich, als der Chef dazustiess und seinen Schützlingen die Anweisung gab, uns in Ruhe zu lassen.
“Bienvenue à Marrakech” dachte ich mir.

Eine sichtbare Orientierungshilfe in der Medina, die Altstadt, bildet die Koutoubia-Moschee, die Mondsichel auf ihrem Minarett befindet sich auf einer Höhe von 77 Metern. Kein Gebäude in Marrakech darf höher gebaut werden.
Wie die Mehrzahl der 6 Millionen TouristInnen, welche diese Stadt jährlich besuchen, pilgerten wir zum nahe gelegenen, grössten öffentlichen Platz Afrikas, Jemaa-el-Fna, welcher in Reiseführern für seine Lebhaftigkeit und Lebendigkeit gepriesen wird.
Die aktuelle Hitze lähmte scheinbar auch ihn. Trotz heftigem Musizieren ihrer Beschwörer blieben die Schlangen matt liegen, wollten sich nicht erheben. Ich verstand sie.
Gegen den Abend sassen wir auf der Dachterrasse eines angrenzenden Restaurants und schauten dem Treiben unter uns zu.
Auf dem Heimweg passierten wir Kinder, welche müde vor einem Stapel Nastücher sassen und auf Kundschaft hofften.
Viele kleine Katzen, oft ausgemergelt, lagen an den Hauswänden. Mohamed, Religionsstifter des Islam, liebte scheinbar die kleinen Strassentiger.
Ich sah in Marrakech keinen Hund.

Gerne verweilten wir auch im Schatten unseres kleinen Riads, tranken Minztee, liessen die Beine im kleinen Pool baumeln, erfreuten uns abends auf der Dachterrasse am Sonnenuntergang, hörten den Muezzinen zu, welche lautstark zum Gebet aufforderten.
Nach 3 Übernachtungen galt es weiter zu ziehen ” Au revoir Marrakech”.

7. Juni 2026

Kommentar schreiben