Sternenhimmel

S

Beim Parkplatz erwarteten uns Amir und seine zwei Dromedare. Er half uns zuerst den Tagelmust, das Kopftuch, welches vor der Sonne und Sand schützt, anzuziehen. Danach hievte er uns auf Blau und Rot, so heissen die beiden einhöckrigen Kamele.
Amir ist klein, spindeldürr, zäh, humorvoll, hat viele Falten im Gesicht und wenige Zähne im Mund. In der Brusttasche seines Kaftans steckte eine angebrochene Zigarettenpackung, aus welcher er sich ausgiebig bediente.

Rot und Blau stemmten uns aus dem Kniestand mühsam hoch und begannen zu trotten. Knapp 5 Kilometer Marsch zum Wüstencamp Erg Lihoudi in der Kleinen Sahara standen auf dem Programm. Lange begleitete uns die Zivilisation in Form von Plastikabfall, leeren Trinkbehältern.
Nach 45 Minuten fragte uns Amir, ob wir kurz absteigen könnten, Blau und Rot sähen bald schwarz, seien müde.

Sehr willkommen war uns der Spaziergang durch den hellen, feinkörnigen Sand. Eine Echse schlüpfte vor mir in ein Sandloch, Bienen suchten Nahrung bei Akaziensträuchern, welche vereinzelt dem Wind trotzten.
Wir hatten Mühe mit den erschöpften Tieren und Amir Schritt zu halten.

Das Wüstencamp Erg Lihoudi umfasst 16 Berberzelte und ein Gebäude mit Toiletten und Douchen. Marli und ich waren die einzigen Gäste!
Als wir auf einer kleinen Düne den Sonnenuntergang genossen, sass der Koch auf einer anderen Düne auf einem Stuhl, ich wähnte ihn versunken im Gebet.
Lachend informierte er mich danach, dass er auf dieser Düne die beste Verbindung für sein Natel habe.

Rot und Blau wurden die Vorderbeine zusammengebunden, dann durften sie Nahrung suchen. Amir legte sich nach 20 Uhr neben sie schlafen.
Marli und ich dinierten köstlich auf kleinen Polstern, sitzend unter freiem Himmel, wartend auf 1001 Sterne.
Die Lautlosigkeit war total, wir trauten ihr zuerst nicht, erwarteten Geräusche. Ihr Ausbleiben wirkte entspannend, wir sogen die Ruhe auf, hörten ihr aufmerksam zu, liessen das Zelt offen für sie. 1001 Regentropfen unterbrachen die Stille, die Sterne hatten sich woanders zur Ruhe begeben.

Am nächsten Morgen früh, die Sonne brannte erst leicht, spazierten wir zurück nach M’hamid El Gizlane. Amir war nicht unglücklich, dass wir auf die Wüstentaxis verzichteten. Ich mag diesen kleinen Mann.

Um 9 Uhr brannte der Tagesstern, wir wichen ihm aus, bezogen ein gekühltes Zimmer, welches uns freundlicherweise offeriert wurde.
Das Mittagessen nahmen wir ein mit Nick, gebürtiger Schotte und Annemarie, gebürtige Belgierin. Das Paar lebt seit 25 Jahren in Australien und erkundete 4 Wochen lang Marokko, anschliessend wollten sie Gran Canaria kennen lernen.
Annemarie trug eine Armschiene, im März hatte sie auf Borneo ihren Unterarm gebrochen.

Nach 15 Uhr ging es weiter Richtung Erg Chegaga in der Grossen Sahara. Dromedare in der Ferne könnten für mich Spinosaurier sein. Grosse Schafherden werden von Hirten auf Motorrädern bewacht.
Unser Auto holperte über Geröll und Steine. Ich wusste nicht, dass 80% der Sahara mit Steinen und Fels bedeckt sind.
Gewohnt sich an Gebäuden und Bäumen zu orientieren, verlor mein Blick sich in der flachen Ebene der Wüste.

Erg Chegaga, die grösste Sandwüste Marokkos, beherbergt etliche Wüstencamps, von denen die Mehrzahl auf Grund der hohen Temperaturen bereits geschlossen waren.
Ein deutsches Paar und wir waren die einzigen Gäste im Sahara Erg Chegaga Camp. Der Sand hier ist dunkler und grobkörniger als in Erg Lihoudi, ich mag die elegant modellierten Formen der hohen Dünen, das Spiel von Licht und Schatten.
Auch in dieser Nacht verbargen die Sterne sich vor uns, schickten uns zur Entschuldigung einen kurzen und heftigen Sandsturm.

Am nächsten Morgen floss kein Wasser aus den Leitungen. Vor 8 Uhr verliessen wir, auf Anraten von Toufik, er fürchtete um unsere Gesundheit, diesen baumlosen Backofen.

12. Juni 2026




Kommentar schreiben