Stürme

S

Den tobenden Sturm
Nimmt wahr der Wurm
Im warmen Haus
Er schaut raus
So fühle ich mich, behaglich auf dem Sofa sitzend, dem ruckartigen Peitschen der Wasserfontänen zuschauend. Mal geht es links, mal nach rechts. Die Blätter am Kirschbaum kämpfen, geben nicht auf. Der heulende Wind auch nicht.
Verdunkelt ist der Himmel, die Untergangsstimmung in unserem Garten dramatisch und perfekt in Szene gesetzt.

Auch in diesem Moment wird mir mein Einfluss auf das alltägliche Geschehen vor Augen geführt. Demut und Dankbarkeit sitzen an meiner Seite.
Ähnlich fühle ich mich, wenn ich im Pflegeheim meine Mutter besuche. Das Zusammensein mit ihr und der Austausch mit anderen BewohnerInnen lehren mich.

Sanft spricht der hoch gewachsene Mann. Vor bald 30 Jahren beendete er seine berufliche Tätigkeit, vor 2 Wochen verstarb seine Frau, 70 Jahre lang waren sie ein Paar. Bände füllen könnte er mit seinen Erlebnissen als Streifenpolizist in Basel. Seine erste Leiche barg er aus dem Rhein. Er und ein Kollege trugen sie zu einer Bank am Schaffhauserrheinweg. Eine ältere Passantin sah sie, erschrak und erlitt einen Herzinfarkt. So musste der junge Streifenhüter neben 2 toten Körpern warten.
Jeden Tag stösst er seinen Rollator in das Dorfzentrum von Riehen, bei schönem Wetter geniesst er zuweilen mit freiem Oberkörper, Hut auf dem Kopf und geschlossenen Augen die Wärme.

Mir rasantem Tempo steuert ein anderer Mann, 5 Jahre fehlen bis zu seinem 100. Geburtstag, sein Elektromobil durch den Speisesaal und auf den Trottoirs der Umgebung. Er ist gelähmt, liebt Früchte, wollte vor ein paar Jahren, als eine Rückenoperation fehlschlug, sterben. In der Rehabilitation teilte er das Zimmer mit einem Mann mit ähnlichem Schicksal und ebenso verlorener Lebensfreude. Die beiden verstanden sich immer besser. Nach 2 Wochen versicherten sie einander, dass sie das Beste aus ihrer Situation machen wollten.

Jeden Tag um 16:30 Uhr, bei Hitze und Kälte, sitzt sie im Rollstuhl auf der Veranda, trinkt einen Kaffee und ein Bier, raucht und löst Kreuzworträtsel. Eine Operation am Spinalkanal war fehlgeschlagen, Flecken an ihren gelähmten Beinen wiesen auf eine Blutvergiftung hin. Schlussendlich verlor sie beide Unterschenkel, nicht aber Schlagfertigkeit und Humor.
Herrlich anregend ist es mit ihr zu plaudern.

Immer wieder sagt meine Mutter “Schau dir diese Leute an, einst standen sie in der Blüte ihres Lebens und jetzt..”
Jetzt sehe ich Menschen, welche mich beeindrucken.

24. Oktober 2025

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