Sonntag, Ruhetag, auch für die Sonne. Auf dem Sofa habe ich einen guten Überblick.
Vor mir lehnt sich Rocky an eine leer getrunkene Wasserflasche. Rocky ist ein Plastik gewordener Gockel aus dem Film “chicken run”. Neben ihm strahlt ein aufgeblasener, Gummi gewordener, kleiner Dinosaurier die kleine Welt an. Unentwegt lächelt er verschmitzt. Rechts neben der Flasche steht der Timer, in unserer Abwesenheit gaukelt er an den ihm vorgegeben Zeiten unsere Anwesenheit vor, indem er dem Lichtschalter befiehlt sich in Bewegung zu setzen. Rechts neben ihm steht auf einem Schreibblock eine kleine durchsichtige Kiste, gefüllt mit Schreib- und Malutensilien. Zwischen und unter den beschriebenen Gegenständen liegen Kinderbücher griffbereit.
Noah, unser dreijähriger Enkelsohn, ist jetzt nicht hier, gleichwohl ist seine Präsenz spür- und sichtbar. Liebend gerne tauscht er sich mit Rocky aus, platziert ihn nach Lust und Belieben in unserem Haus, welches, so betont er ganz klar, selbstverständlich auch sein Haus ist.
Einer seiner Lieblingsorte ist das Sofa, auf welchem er, am liebsten von einer Decke gewärmt, mit mir zum wiederholten Mal sich in die Bücher vertieft, sich eng an mich presst, um kein Wort, keine Nuance meiner Erzählungen zu verlieren.
Auch meine Geliebte geniesst seine Anhänglichkeit, wenn er, mit ihr im Bett liegend, seine Arme um sie schlingt, scheinbar in sie schlüpfen will.
Ich liebe seine Aufmerksamkeit, seine weit geöffneten Sinne, seine Neugier, seine Lust die kleine und grosse Welt zu erforschen.
Seine Leidenschaft ist hoch ansteckend. Ich bin infiziert, dieser Virus hat mein Immunsystem mit Leichtigkeit überwunden, lenkt mich nach Belieben.
Offensichtlich sind die Symptome. Ich wälze mich als Walfisch auf dem Boden, verwandle mich im Nu in ein springendes Känguru, pruste lachend los wie ein blauer Elefant, drücke beide Augen zu, wenn der kleine Mann im Keller die vorhandenen Gesellschaftsspiele auspackt und lustvoll ausbreitet.
Bedeutend sind auch die psychischen Auswirkungen. Bei prasselndem Regen leuchtet für mich die Sonne. Meine Wahrnehmung wird relativ: Bin ich tatsächlich bald siebzig oder so jung, wie ich mich fühle?
Der Blick in den Spiegel gibt eine Antwort, der Blick auf den lächelnden Dinosaurier eine andere.
11. November 2025

Wow, was für ein herrlicher Text!
toll